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30 Jahre Apple: warum Apple keine Religion ist vom 30.03.06

imageEine Gratulation von majo in Focus Online:

Was soll schon so toll sein an Apple, dass sich um diese Computerfirma herum ein Kult gebildet hat, von dem manche behaupten, er sei eine Religion? Als die hoch verehrte Focus Online-Redaktion mich fragte, ob ich nicht zum dreißigsten Firmenjubiläum darüber schreiben wolle, schaute ich in mein Innerstes und fand: nichts. Ich hatte den Glauben verloren. Oder hatte ich ihn nie? Der altböse Feind dräute: Existiert die “Religion Apple” vielleicht ausschließlich als verzweifelte Heilsvision in den Köpfen Windows-gefolterter Online-Redakteure?

Bestimmt haben Sie schon genug gelesen über diese Spinner aus der Garage - 1976, zwischen High-Tech und Hippies, zwischen Silicon Valley und Ashbury Heights. Das ist aber hier gar nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, warum ganz normale Computerkäufer einem Computerhersteller gegenüber so etwas wie Loyalität empfinden - seit 30 Jahren. Sagen wir es so: In einem richtig guten Restaurant ist das Personal erstklassig, locker, schlagfertig, charismatisch und serviert mit Hochgeschwindigkeit. So einem Laden gegenüber bleibt man loyal.

Apple wurde in 30 Jahren genau 49 Mal totgesagt. Heute hat Apple einen der wertvollsten Markennamen, die Aktie boomt, der iPod rockt die Welt, iTunes verjüngt die Musikindustrie, auch gegen ihren Willen, die Macs mit den Intel-Prozessoren heben ab, die Apple Stores sind Touristenattraktionen und Honigtöpfe für Singles, Apples Industriedesign ist ganz großes Kino. BusinessWeek kürt Apple zur besten Firma des Jahres 2005, und die Presse schreibt: “Apple ist nicht die coolste Computerfirma der Welt - es ist die einzige coole Computerfirma der Welt”.

Cool? Nett gemeint, aber Unfug - Apple ist das Gegenteil von cool.
Von der Piratenfahne am Apple-Hauptgebäude über das Drama von Jobs Entlassung und Rückkehr bis zum Triumph der letzten Jahre ist die Geschichte Apples eine Geschichte der Wagnisse, der Bedingungslosigkeit, der Kreativität, des Hinfallens, des Aufstehens, des Kämpfens. Der ganze bescheuerte Rock’n Roll.

Das macht an, und nicht nur die Börse: Das macht diejenigen Menschen an, deren Alltag nicht aus Excel-Sheets, Statistiken und PowerPoint besteht, sondern aus Filmen, Musik, Bildern, oder auch aus Worten.

Das macht die Grafikerin mit den blauen Haaren, dem Tatoo und der nabelfreien knallengen Lederhose an, nicht den Köfferchen tragenden Anzug mit den paar gegelten Haaren und der 10.000 Dollar-Armbanduhr.

Sie - wir - , das sind die Verrückten, die Kreativen, die Quertreiber, die Anderen. Wir verändern die Welt, wir erfinden, wir erforschen, wir inspirieren, wir machen. Zumindest daran glauben wir, und wir glauben sonst kaum etwas. Falls man nicht ausreichend verrückt ist, keine blauen Haare hat und Rücksichten nehmen muss, dann kann man wenigstens in der kargen Freizeit Musik, Photos, Videos oder Weblogs machen - und darüber reden, dass damals um ein Haar alles anders gekommen wäre. Auch der Köfferchen tragende Anzug kann das.

Genau das war das “Think Different"-Credo zum Ende der 90er Jahre, das Apple wieder mal auf die Füße brachte, und darum schlug es ein wie eine Bombe. Wir brauchten die Computer, um unsere hoffnungslos brillanten kleinen Firmen zu gründen, und wir kauften sie bei Apple, das damals selbst noch eine hoffnungslos brillante kleine Firma war.

Natürlich war “Think Different” nur eine in ein paar Tagen zusammengehauene, exzellent gemachte Werbung - aber niemand versteht Werbung besser als die Werbemacher: “Here’s to the crazy ones - weil nur die die Welt verändern, die so verrückt sind zu glauben, dass sie es schaffen”. Das verstanden wir, während wir Microsofts “Start"-Button, den man klicken musste, um den Rechner auszuschalten, nicht verstanden. Apple baute die Rechner für uns, die knallbunten, genialen Computer, und wir haben jede verdammte Haarnadelkurve in Apples Produktstrategie mitgemacht, nur aus dem einem Grund: weil die Dinger so viel besser sind als alle anderen.

Das ist der Punkt, um den es geht: Jobs fordert von seinen Kunden etwas, das Bill Gates nie wagen wird. Er fordert den Ausbruch aus vertrautem Denken, den Abwurf von Ballast, den Start zu neuen Planeten. Er fordert Courage, und die haben nicht alle, nicht mal bei Computern. Wie Microsoft heute biss sich Apple Ende der 90er Jahre endlos und quälend an der Modernisierung eines alten Betriebssystems fest. Apple warf schließlich den ganzen Kram über Bord und mixte aus Jobs selbstgebrautem NextSTEP und OpenSource-Material das neue, stabile und elegante OS X zusammen. Sie hatten Recht, und wir switchten.

Als dann die Hardware immer mehr lahmte, feuerte Apple letztes Jahr IBM und wurde bei Intel mit offenen Armen empfangen. Wir switchen wieder, weil sie wieder Recht haben. Dabei kam übrigens noch etwas heraus, was Gates auch nie getan hätte: Jobs hatte diesen ganzen Intel-Stunt fünf Jahre lang haarklein vorbereitet - er hatte die ganze Zeit über mit einem todsicheren Ass im Ärmel gespielt. Wenn Microsoft nach fünf Jahren merkt, dass sie in der Sackgasse sind, feuern sie ein paar Leute, strukturieren um und schreiben Memos.

Und das soll eine Religion sein? Das ist nicht einmal ein Kult, sondern ein geradezu altmodisch rationales Verhalten, jedenfalls im Vergleich zu den ewig auf Erlösung wartenden Windows-Anhängern. Nach fünf Jahren glauben sie noch immer an Vista, einen irreparablen 50-Millionen-Zeilen-Code-Moloch auf bröckelndem Fundament. Nach fünf endlosen Jahren, in denen Apple sein Betriebssystem schon viermal komplett aktualisiert und verbessert hat, hoffen sie noch immer auf die endgültige Befreiung von den Würmern und Viren, die durch Windows ihr Geld, ihre Reputation und sogar ihren Spaß am Leben bedrohen.

Apple ist für Apple-User keine Religion. Apple ist die passende Lösung für einen sehr wichtigen Teil ihres Lebens. Und wenn der Rest der Welt nicht kapiert, warum man daran Spaß haben kann, dann kann der Rest der Welt ja immer noch die Aktie kaufen.


bisschen Senf dazu?
von Larsemann am 30. Mar um 15:46 Uhr

Nicht nur Apple verdient hier ein Lob! Großes Kino spielt meiner Meinung auch Mac Essentials. Absolutes Lob von mir an diese Seite. Informationen so wie man sie sich über Apple wünscht. Für micht erste Anlaufstelle.

Gruss Larsemann


von Achim L. am 30. Mar um 15:53 Uhr

Wirklich eine einmalige Gratulation! Perfekt! :)


von Reinard Schmitz am 30. Mar um 16:05 Uhr

Klar, und ich wäre froh, es GÄBE solch GUTE Restaurants, 30 Jahre lang…


von am 30. Mar um 16:08 Uhr

S E H R G E I L ! ! !

danke


von am 30. Mar um 16:23 Uhr

hammer artikel, bestens geschrieben, daumen hoch, bin auch froh das es den laden hier gibt (zwar nocht nicht ganz 30 jahre), aber mactechnisch erste anlaufstelle beim online gehen :-)

danke für alles.


von am 30. Mar um 17:46 Uhr

der brueller: focus.msn.de ;-)

sehr feiner artikel - ich muss mir erstmal die traenen abtupfen.


von am 30. Mar um 17:47 Uhr

Hallo Majo!

Glückwunsch zu dem gelungen Artikel! Besser kann es kaum ausdrücken! *Verbeug*!


von majo am 30. Mar um 17:59 Uhr

umpf - öh - flöt: danke ;-).

Acht Stunden Arbeit für ein warmes Abendessen, mach ich auch nicht nochmal…


von am 30. Mar um 18:05 Uhr

Hehe, iTunes hat mir gerade Hallelujah von John Cale herausgesucht, als ich den Artikel gelesen habe. Das war sehr nett, schien es doch, als würde Heinze (witzig das in der Einleitung so zu lesen, :-) ) endlich mal die Windows-User-Probleme wertfrei und mitleidig erklären. Es hat mich berührt!

Und Heinze, warmes Abendessen kann ja vieles sein, es klingt so negativ da über mir…


von Marco Knoff am 30. Mar um 18:29 Uhr

Hi Majo,

Grossartig! Sehr gute Schreibe, macht viel Lesefreude!
Danke und immer nur weiter so!

Viele Grüße
Marco

..und guten Appetit!


von am 30. Mar um 18:40 Uhr

*Vortrefflich* formuliert, ueberhaupt keine Frage. Schade nur, dass der
Nutzniesser dieser Verehrung Dir nix von seinen 4,5 Milliarden $ abgibt :-/

Ich bin Apple-"Fan" seit 25 Jahren. Frueher, als sie noch die unterstuetzenswerten
Underdogs waren, fiel es aber irgendwie leichter, sich dazu zu bekennen.
Verrueckte Welt ;o)

MacOS X ist letztendlich auch nur ein optisch aufgehuebschtes Free BSD,
und den MP3-Player hat Apple schon gar nicht erfunden
(jaja, das war jetzt blasphemisch, muss aber manchmal sein. Bitte nicht hauen).

Ich warte wieder auf Revolutionen. Aber dafuer ist Steve Boy wohl zu alt.

Schnief. Nach dem gestrigen Trauertag zitiere ich da mal den
letzten Satz meines Lieblingsbuches:

“… so verharrte ich im unerschuetterlichen Glauben, die Zeit der
grausamen Wunder sei noch nicht um”.


von Macsico am 30. Mar um 18:45 Uhr

> Apple ist die passende Lösung für einen sehr wichtigen Teil ihres Lebens.

Alles in einem Satz. Danke majo!

Den Spaß am Beispiel eines Apple habe ich im Rahmen einer Diskussion beim ersten Hamburger Web Montag auch hervorgehoben, um die anwesenden Entwickler mal in eine andere Richtung zu schubsen. Ohne Spaß an Software kann mir der gesamte Kram ansonsten gestohlen bleiben ;-)


von beko am 30. Mar um 19:07 Uhr

Perfekter Beitrag MaJo !! Weiter !! :-)


von am 30. Mar um 19:40 Uhr

Majo, mit diesem Artikel hast auch Du Dich zu einem sehr wichtigen Teil unseres Lebens geadelt.
Eine würdige Laudatio zum 30sten für Apple und alle “Gemeindemitglieder”. ;-)


von am 30. Mar um 20:01 Uhr

Enorm guter Artikel! Genau so etwas will man den Windowsgläubigen jeden Tag ins Gesicht schreien.


von am 30. Mar um 20:05 Uhr

Hallo Majo,

ein außerordentlich guter Artikel mit entsprechend exponierter Haltung. Töffte.

Wann auf SpOn ??? *vbg*


von jayjay am 30. Mar um 20:06 Uhr

Hach ja,
DAS ist mal einfach gut!

btw: wo ist der Podcast dazu?
that would make my day…


von am 30. Mar um 20:31 Uhr

Feiner Artikel - und das beim Markwort. ;-)

Aber mal ehrlich: dass majo gut schreiben kann, wissen insbesondere die Stammleser hier doch schon länger!


von am 30. Mar um 20:46 Uhr

@bengt: “Windows*glaeubige*”? Das klingt aber schwer nach Projektion ;-)

Die meisten Windows-Nutzer die ich kenne, sehen Computer eher pragmatisch.
Die Sektierer sind eher *wir*. Wenn auch aus guten Gruenden, den besten Absichten
und der tieferen Einsicht. Aber manchmal wird’s mir schon ein wenig unheimlich mit uns..

Auf jeden Fall ist Apple die Computer-Firma mit dem groessten Unterhaltungswert,
das muss man wohl vorbehaltlos anerkennen ;-)
Hoffentlich bleibt’s noch lange so (dafuer braucht es auf Dauer aber etwas mehr als nur iTralala).
Steve wird ja auch nicht juenger.. dass scheinbar alles so von seiner Person
abzuhaengen scheint, finde ich etwas bedenklich.


von Franz am 30. Mar um 21:00 Uhr

Majo,
Chapeau! Artikel ist gespeichert für die Verwendung bei Bedarf…


von am 30. Mar um 21:02 Uhr

Ich hab jetzt den Artikel zu Ende gelesen. Respekt an Majo, er hat trefflich formuliert. Wahrscheinlich glaubt nämlich die Windows-Welt außer an Vista auch noch daran, dass man Treiber selbst installieren kann.
Und ich bin kein Mac-believer. Aber ich brauche ein System, bei dem die Software so solide gestrickt ist, dass ich es selbst warten kann, auf dem eine Software läuft, die das kann was ich brauche. Ob da jetzt MS draufsteht oder ein angebissener Apfel drauf abgebildet ist, ist primär egal.
Dass da jetzt bei mir ein Apfel drauf ist, liegt daran, dass ich den Mac verstehe, sich die Software besser anfühlt als vergleichbare Win-Versionen, die Treiber vom System erkannt werden, letzteres so gut wie nie abstürzt, und nicht zuletzt, weil ich die Philosophie von His Steveness einfach nur bewundere.

@Gerhard:Ich nehme für Produktionen zum Teil auch iTralal, obwohl ich doch eher im Pro-Bereich anzusiedeln bin. Denn mit iTralala lässt mich schnell zu einem Ergebnis kommen, das dann auch ansehnlich/anhörbar ist.


von am 30. Mar um 21:11 Uhr

@Macian: mit “iTralala” meinte ich iPod, iTMS & Co.
Ich nutze auch den iTMS und habe 2 iPods, aber von DEM Computerpionier
erwarte ich auch kuenftig Innovationen im Bereich der Computer und
Betriebssysteme. MacOS X ist ja gut & schoen, aber…
nein, keine Angst, ich fang’ nicht schon wieder an ;-)


von am 30. Mar um 22:52 Uhr

@Gerhard: Ach so.. Ich befürchtete schon, dass mit iTralala auch die iLife-Suite und iWork gemeint war…


von am 30. Mar um 23:04 Uhr

Ja, das ist schon eine ziemliche i-nflation heutzutage ;o)


von am 30. Mar um 23:12 Uhr

ich kann mich nur anschließen: sehr schöner (zurückhaltender) Artikel!!
Respekt! :-)

& btw: Apple-Stores sind .. Honigtöpfe für Singles hätte mir jemand mal sagen sollen, dann wär’ ich da auch mal aufgetaucht! ;-) Genial! :-)


von kassandri am 31. Mar um 10:05 Uhr

Großes Lob an Majo...feiner Text.


von am 31. Mar um 10:31 Uhr

ich weiß nicht, ob es in den obigen kommentaren schon genug zum ausdruck kommt: ein wirklich toller text. ;-) und um einen gedanken daraus aufzunehmen: der text selbst ist rock’n’roll :-D


von majo am 31. Mar um 11:42 Uhr

Steffen - rat mal, was ich dabei gehört habe ;-)

slivey, zu den jungen Damen mit plötzlichen Festplatten-Notfällen und Rettungs-Phantasien guckst du hier


von am 31. Mar um 15:03 Uhr

@Gerhard

DOSen-User GLAUBEN, dass Windows ein prima OS ist.
Apple-User WISSEN, dass OS X besser ist.

Aber wenn wir einmal ehrlich sind, hast schon Recht mit der Projektion.


von Ben am 03. Apr um 17:14 Uhr

... http://fuckup.twoday.net/stories/1776862/ ...


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